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Kunst und Kartoffeln

 DIE BESCHÄFTIGUNG mit Kunst führt nicht unbedingt zu höherer Lebensqualität, aber sie schadet keineswegs...

„Wie bitte...?“

Die vielen Einwände gellen mir bereits in den Ohren.

„Soll Kunst jetzt zu einem heilenden Quell wer-den, quasi eine Eintrittskarte für Glückseligkeit auf Erden? Also – ich bitte Sie...“

Nein, ich bin es, der bittet. Nicht um eine kurze Kunstpause, sondern um einen Augenblick der Besinnung auf die Rolle der Kunst im stressge-plagten Alltag – um die Rolle von Kunst in der Öffentlichkeit. Zum Beispiel hier in Aarhus.

Kürzlich äußerte sich ein Mann spöttisch in einer Diskussion über Kunst im Stadtbild: „Wieso muss ich mich auf den Weg zum Kartoffelkauf im Supermarkt unbedingt von irgendeinem Kunstdingsbums belästigen lassen!?“

Die Antwort ist kurz und komplex: Eben weil uns die Kunst „belästigt“, oder besser gesagt bereichert.

Bjarne Bækgaard, Kunstkritiker. Inhaber

des Beratungsbüro BækgaardByro, das mit

Kunst als innovativem Antrieb für Unterne-

hmen und Organisationen Kompetenz-

entwicklung betreibt.

 

VIELLEICHT sollte ich meinen Standpunkt erläu-tern: Wir leben meiner Meinung nach – verallge-meinert ausgedrückt – in einer „Life Light“-Gesellschaft, die von einer hektischen Zapper-Mentalität (Ex und Hopp) geprägt ist, und die Schnelllebigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Inmitten dieser unerträglichen Leichtigkeit des Seins bildet ernsthafte Kunst Oasen von Ge-wichtigkeit und Gemächlichkeit – wie ein Fremd-körper, der an unseren liebgewonnenen und bequemen Weltvorstellungen rüttelt und diese in Frage stellt. Über das Wesen der Kunst wurde einmal gesagt, dass sie dazu dient, uns „..in neue Erlebniswelten zu führen, indem sie uns unseres Orientierungssinns, Selbstbewusstseins, Überblicks und Glaubens an die von uns ewiggültig geglaubte Wahrheit beraubt“.

Das ist wahr. Kunst muss wie Gift auf einge-fahrenes Denken wirken, Voraussagbares wie ein Blitz zerschmettern und wie ein Trommelfeuer auf die bloßen Gefühle des Einzelnen einwirken.

Deshalb passt Kunst sich nicht in vorge-fertigte Denkweisen ein; sie zerstört vielmehr unsere Begriffswelt, und fügt sie auf völlig neue Art und Weise wieder zusammen. So entstehen neue Aussagen über die Welt. Etwas hochgestochen könnte man behaupten, dass die Kunst uns die Augen dafür öffnet, dass die Wirklichkeit gewaltiger ist, als wir glauben.

Indem uns Kunst durch Andersartigkeit „belästigt“, bereichert sie uns gleichzeitig um eine er-weiterte Wahrnehmung der Realität.

Das ist doch immerhin etwas...

STELLEN SIE sich vor, Sie träfen jedes Mal, wenn Sie Kartoffeln einkaufen gehen, auf einen solchen „Horizont-Erweiterer“! – auf etwas, was keinen praktischen Nutzen hat, aber deswegen keineswegs wert- oder sinnlos ist: die Kunst.

„Sie ist wie ein trojanisches Pferd: In ihrem Inneren schmuggelt sie Freude, Poesie, Visionen und Erkenntnisse in ein von Macht und Wirtschaftlichkeitsdenken geprägtes Umfeld ein“, so der dänische bildende Künstler Bjørn Nørgaard über Monumental-Kunst im öffentlichen Straßenbild.

Macht und Wirtschaftlichkeitsdenken... – Nør-gaard zielt hier auf den verführerischen Schilder-wald mit seinen an die moderne Gesellschaft gerichteten Botschaften ab, der mit einem anarchischen Durcheinander an Geschmacksauffassung und „ästhetischer“ Aufdringlichkeit die Kauflust der Zeitgenossen stimulieren soll. Die seligmachende Formel des Handelsgewerbes lautet „Zeitgeist“, während die Kunst über den aktuellen Horizont hinausreicht, denn sie ist in Tradition, Geschichte und gemeinsamen Werten tief verwurzelt.

Während die Leitbegriffe der heutigen, leichtlebigen Gesellschaft Verständlichkeit und Gegenwärtigkeit sind, bewegt sich Kunst gegenläufig und zielt auf das Unergründ-liche und Beständige ab.

Mit ernsthafter Kunst im Straßenbild profitieren wir in zweierlei Weise: Wir begegnen dem Ge-genwärtigen ebenso wie dem Beständigen; dem Verständlichen ebenso wie dem Unergründlichen.

UND DORT werden wir mit der Skulptur von Erik Heide „Vogel mit goldenem Apfel im Schna-bel“ mitten in der Einkaufsstraße konfrontiert. Und „Adam-Kadmon“ aus der Hand von Christian Lemmerz am Platz Pustervig. Und mit dem „Ceres-Brunnen“ von Mogens Bøggild vor dem Rathaus. Und mit dem „Saurier“ von Ejler Bille am Konzerthaus Musikhuset. Und im Rat-hauspark steht die Skulptur von Johannes C. Bjerg „Die Schwangere“. Und auf dem zentrak gelegenen Store Torv der „Wasserdrache“ von Elisabeth Toubro.

Wie Straßenkunst nun einmal ist, werden alle Werke „auf die Goldwaage gelegt“, ehe sie ihren Platz dort einnehmen können, wo sie für all und jeden zur Schau stehen. Zwischen Pro und Kontra geht es hin und her – die Zustimmung überwiegt jedoch.

AUF DEM HEIMWEG vom Supermarkt steht es dem Einzelnen frei, die Werke, an denen er vor-beikommt, dahingehend zu beurteilen, ob sie den wichtigsten Anspruch an ernsthafte Kunst im Straßenbild erfüllen: Wirkt das Kunstwerk an seinem Aufstellort gleichzeitig provozierend und bereichernd? Inspiriert es den Passanten?

Beim Kartoffelschälen können wir dann überle-gen, ob nicht doch etwas dran ist, „dass die Beschäftigung mit der Kunst nicht unbedingt zu höherer Lebensqualität führt; aber keineswegs schadet...“